Historik
Quelle: Präsident des ONB, Rainer Domfeld
Wer die Fastnacht kennen lernen will, muss das Mittelalter verstehen
Vielleicht merken Sie dieser Ausarbeitung an, dass ich zwei Ziele verfolge. Ich möchte Ihnen die Entstehung der Fastnachtsfeier näher bringen, und ich möchte mit dem Klischee aufräumen, dass die Fastnacht eine pure Vergnügungsveranstaltung ist, die irgendwann einmal begonnen hat. Die Fastnacht ist keine irgendwann oder gar von irgend jemanden einmal künstlich eingerichtete Feier, sondern sie entwickelte sich im Mittelalter nach und nach aufgrund der tief greifenden Einschnitte, den die vorösterliche Fastenzeit sowohl im öffentlichen Leben als auch im privaten Daseins jedes Einzelnen bildete.

Ich möchte Ihnen in groben Umrissen die Weltanschauung des normalen Bürgers des Mittelalters vorstellen. Das Gesellschaftssystem war in Stände eingeteilt. Ganz oben stand der Papst und der Kaiser, ganz unten der Soldat und der Bauer. Der größte Teil der Bevölkerung gehörte somit den untersten Ständen an. Dies wurde auch von den Menschen akzeptiert, denn man war der Auffassung, dass man in seinen Stand hineingeboren wurde. Dies war schlichtweg auch der Punkt, warum die Kirche soviel Einfluss auf den damaligen Mensch ausüben konnte, denn das irdische Leben wurde auf das Leben danach ausgerichtet.
Kleiderordnung der Stände demütigte die Menschen
Auch die weltlichen Herrschaftssysteme lehnten sich an diese Ordnungsregeln an und ergänzten sie durch weitere Normsetzungen. Unter diesen war die Kleiderordnung insoweit von besonderer Relevanz, als sie das ständisch organisierte Gesellschaftssystem schon „prima facie“, d.h. auf den ersten Augenschein deutlich machte. Von den Angehörigen der untersten Stände musste sie deshalb als besonders demütigend empfunden werden. Neunzig Prozent waren Analphabeten. Der kleine Personenkreis, der lesen konnte, besaß eine ungeheure Macht, die übrigen zu beeinflussen. Kirchliche Volkprediger wie Johann Geiler und die Franziskaner Thomas Murner und Johannes Pauli waren praktisch die „Thomas Gottschalks“ des Mittelalters. Kurzum, der Mensch des Mittelalters lebte aufgrund seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse sehr spontan, er lebte quasi von Tag zu Tag. Sicherheiten wie heute gab es nicht. Diese Gesamtumstände waren auch der Grund, warum der christlichen Kirche in der Fastnachtsbrauchentwicklung die bedeutendste Rolle schlechthin zukam.
Dämon in rauem Kleid
aus dem Schembartbuch der Pikardschen Sammlung, Nürnberger Stadtbibliothek 16. Jahrhundert